SiMa-Unterrichtskonzept: Vier fach- und sprachintegrierte Prinzipien und ihre Umsetzung

Leistungsstudien zeigen, dass sich migrations- und herkunftsbedingte Leistungsdisparitäten durch Sprachkompetenz erklären lassen: Sprachlich schwache Lernende zeigen geringere mathematische Leistungsstände und Lernzuwächse als sprachlich starke, dies betrifft nicht nur mehrsprachige Lernende (Diversitätsaspekt Migrationshintergrund), sondern auch einsprachige Lernende aus sozial unterprivilegierten Familien (Diversitätsaspekt soziale Herkunft) und Kinder mit sonderpädagogischem Förderschwerpunkt Lernen. Daher gibt es vielfältige Bemühungen, durchgängige Sprachbildung als Querschnittsaufgabe aller Fächer zu etablieren, diese Ansätze werden meist fachübergreifend konzipiert.

Das SiMa-Unterrichtskonzept für die Sekundarstufe 1 und 2 greift die fachübergreifend entwickelten sprachdidaktischen Ansätze auf und arbeitet sie in Design-Research-Projekten fachspezifisch aus. Denn damit Sprachbildung für den jeweiligen fachlichen Inhalt tatsächlich lernwirksam werden kann, müssen die spezifischen, fachlich relevanten sprachlichen Anforderungen adressiert werden: z.B. nicht allgemeine Lesestrategien, sondern konkrete Verstehensstrategien für die wichtigste Textsorte Textaufgaben; nicht irgendwelche Schreibaufträge, sondern ausgerichtet an denjenigen Sprachhandlungen und Sprachmitteln, die für den Aufbau von konzeptuellem Verständnis des jeweiligen mathematischen Konzepts am wichtigsten sind.

Ausgearbeitet wurde daher ein fach- und sprachintegriertes Unterrichtskonzept, das jeweils fachliche und sprachliche Lernpfade systematisch integriert. Das SiMa-Unterrichtskonzept basiert auf vier Prinzipien:

 

  1. Prinzip der reichhaltige Diskursanregungen: Lernende werden immer wieder zu diskursiv reichhaltigen Sprachhandlungen aufgefordert, insbesondere zum Erklären von Bedeutungen, Argumentieren und Erläutern mathematischer Rechenwege. Dafür werden sowohl kommunikativ aktivierende Unterrichtsmethoden und Gesprächsführungsstrategien als auch Scaffolds zur Unterstützung genutzt (s.u.).
  2. Prinzip des Makro-Scaffolding zur Sequenzierung entlang der Lernpfade: In Schritt 1 werden die fachbezogenen Vorerfahrungen der Lernenden in bedeutungsvollen, vertrauten Kontexten aktiviert und dabei auch die eigensprachlichen Ressourcen der Lernenden mobilisiert. Sie werden in Schritt 2 im gemeinsamen bedeutungsbezogenen Denkwortschatz systematisiert und kollektiviert. Er bildet die Basis, aus der in Schritt 3 die formalen mathematischen Konzepte und Operationen und formalsprachlichen Sprachmittel abstrahiert werden, die in Schritt 4 für die Bearbeitung inner- und außermathematischer Probleme genutzt werden. Unterstützt werden die Lernenden entlang dieser fachlichen und sprachlichen Lernpfade durch sprachliche Scaffolds (mit Mikro-Scaffolding-Impulsen, Satzgerüsten oder Sprachspeichern), strukturelle Scaffolds (z.B. durch geeignete Visualisierungen der mathematischen Struktur) oder strategische Scaffolds (z.B. in Concept Maps). Die adaptive Unterstützung setzt dabei alltagsintegrierte Kurzdiagnosen (z.B. durch kleine Schreibaufträge) voraus.
  3. Prinzip der Darstellungs- und Sprachebenen-Vernetzung: Entscheidend für die Bedeutungskonstruktionen beim sukzessiven Aufbau des sprachlichen und fachlichen Lernpfads ist die konsequente, wiederholte Verknüpfung verschiedener Darstellungsformen (graphisch, symbolisch, enaktiv, verbal) und (alltags-, bildungs- und fachsprachlichen) Sprachebenen, sie wird durch entsprechende vernetzende Aufgabenformate und Gesprächsführungs-Impulse realisiert.
  4. Prinzip der Formulierungsvariation: Für die Entwicklung von sprachlicher Bewusstheit dient das Prinzip der Formulierungsvariation: Um Lernende für sprachliche Feinheiten zu sensibilisieren, vergleichen sie nur leicht variierte Formulierungen (z.B. „reduziert auf 30 %“ versus „reduziert um 30 %“) und erklären die Bedeutungsvariation.

 

Zu dem SiMa-Unterrichtskonzept ist nun ein Praxis-Buch im Cornelsen-Verlag erschienen.

Konkret ausgearbeitet und forschungsbasiert entwickelt wurde das SiMa-Unterrichtskonzept für Themen aller Jahrgänge (Multiplikatives Grundverständnis, Textaufgaben, Volumenkonzept, Brüche, Prozente, Terme, Funktionen, Ableitung, Beweisen, ...), jeweils mit Unterrichtsmaterialien mit kurzen diagnostischen Anlässen und (selbst-)differenzierenden Aufgaben, die zunächst in Kleingruppen und dann im Klassenverband erprobt und untersucht wurden. Die Unterrichtsmaterialien werden sukzessive als Open Educational Resources online verfügbar gemacht unter diesem Link.